Marienerscheinungen gab es schon immer und überall in der katholischen und christlich-orthodoxen Welt – auch 1949 in Holsterhausen

Volksfrömmigkeit: Darstellung der Marienerscheinung in Lourdes

Von Wolf Stegemann

8. Januar 2016. – Marienerscheinungen? Gibt es die heute noch? Das kann man getrost mit Ja beantworten, denn Marienerscheinungen sind nicht nur für die gesamte christliche Ära bezeugt, haben aber nichts mit der Erscheinung der Person zu tun, sondern mit Visionen derjenigen, die als Zeugen darüber berichten, dass ihnen die Muttergottes, genauer gesagt: die Mutter von Jesus, erschienen sei. So einen Fall gibt es aus dem Jahre 1949 auch in Holsterhausen und in einem anderen Fall, der länger 300 Jahre zurückliegt, fand ein Dorstener Franziskaner in Neviges ein Gnadenbild und machte daraus einen Wallfahrtsort. Und zu Bismarcks Zeiten machte sich ein Dorstener Apothekersohn als Diakon für die kirchliche Anerkennung einer Marienerscheinung im saarländischen Marpingen stark, die allerdings nie kam; darüber er dort vor Gram starb.

Marienerscheinung bei Madgalene Kade in Philippsdorf

Im 19. Jahrhundert boomten die Marienerscheinungen

Von Hunderten von Berichten über Erscheinungen, die sich im Verlauf der Jahrhunderte ereignet haben sollen, sind nur die wenigsten kirchlich anerkannt. An Orten mit Marienerscheinungen können sich Kirchen, Klöster und Wallfahrtorte entwickeln. Bis zum Ende des Spätmittelalters waren es überwiegend Männer und unter ihnen meist Kleriker, denen Maria erschien. Im von der Aufklärung geprägten 18. Jahrhundert ging die Zahl der Marienerscheinungen stark zurück. Im 19. Jahrhundert nahm die Anzahl dagegen vor dem Hintergrund einer Erneuerung der katholischen Kirche und der stärkeren Betonung einer gefühlsintensiven Frömmigkeit wieder zu. Im Zentrum der neuen Frömmigkeit stand dabei der Kult um die Jungfrau Maria. Das Phänomen der Marienerscheinung tritt meist bei katholischen und orthodoxen Christen auf; in vereinzelten Fällen auch bei angeblich Ungläubigen, die sich dann häufig aufgrund dieser Erscheinung bekehrten. Überliefert sind auch Fälle, in denen Erscheinungen Marias angeblich vorausgesagt und deren darauffolgendes Auftreten von mehreren Personen bezeugt wurde.

Wertung und Beurteilung

Marienerscheinungen werden von vielen Gläubigen als Wunder angesehen. Andere wiederum lehnen diese Erscheinungen generell ab, entweder als unwichtig für die persönliche Glaubenserfahrung, als Scharlatanerie oder als Okkultismus. Von Wissenschaftlern werden diese Erscheinungen oft als Halluzination bewertet. Wie alle Phänomene potentiell wunderbaren Ursprunges werden auch Marienerscheinungen von der römisch-katholischen Kirche auf ihre Echtheit überprüft. Berühmte und anerksannte Erscheinungsorte sind u. a. Dietrichswalde (Ermland, Polen 1877), Fátima (Portugal, 1917, 1927), Guadelupe (heute Stadtteil von Mexiko-Stadt, 1754), La Salette (Südostfrankreich, 1846), Kihebo (Ruanda, 1934), Lourdes (Südwestfrankreich, 1858), Notre-Dame du Laus (FRankreich, 1664-1718), Akita (Japan, 1973).

Tausende koptischer Christen sahen am 10. Dezember 2009 ein Marienbildnis, das nachts um eine Kirche in Kairo schwebte. Ihre leuchtend weiße Silhouette erschien der Menge. Aus ganz Ägypten pilgern seither koptische Christen, um die Maria zu sehen; sie zelten nachts nahe bei der Kirche. Das Coptic Orthodox Church Channel hat darüber berichtet (www.youtube.com/watch)

Frau von Holsterhausen – Marienerscheinung beschäftigt seit 1949 Gläubige 

Marienerscheinung mit der Dorstener Zeche von R. Nöcker 1954

Jedes Jahr am ersten Wochenende im September findet in Holsterhausen eine Wallfahrt statt, an der Niederländer teilnehmen. Sie beginnt an der Ecke Freiheitsstraße/Tannenstraße, führt über die Ahornstraße (wo eine Kirche gebaut werden soll), über die Straße Op de Kuhlen zur Antoniusstraße 11, wo die Muttergottes im Gebet wahrgenommen wurde und die Wallfahrt dann an der  Antoniuskirche endete. Den meisten kirchlich orientierten Dorstenern dürften die mehrmaligen Marienerscheinungen in Holsterhausen obskur wahrgenommen worden sein. Die katholische Kirche hat diese angeblichen Erscheinungen in der Antoniusstraße nicht anerkannt. Diese sorgten vor allem zwischen 1940 und 1987 für Aufsehen und ließen dem Pfarrer von St. Antonius wegen dieser Umtriebe vermutlich die Haare zu Berge stehen. Den Bewohnern des Hauses in der damaligen Hitlerstraße 11, der heutigen Antoniusstraße, soll erstmals am 2. Mai 1940 die Mutter Gottes erschienen sein. Etliche Personen dieses Hauses haben dadurch im Kreis derer, die daran glauben, den Status von Sehern oder Propheten: Karl, Robert, Wilhelm, Mietze, Hilde, Norbert und Trude. Genau 22 Jahre später, am 3. April 1954, soll Maria sich wieder den Propheten im Haus Antoniusstraße 11 gezeigt und offenbart haben, dass sie 33 Jahre später wieder erscheinen werde. Dabei hinterließ sie in der Antoniusstraße eine Ikone aus Russland, die in einer zu bauenden Kapelle am Ahornweg verehrt werden sollte. „Bei vollständiger Verehrung der Heiligen Magd über diese Ikone wird sie große Wunder vollbringen.“ Der damalige Pfarrer von St. Antonius soll alle Beteiligten zum Schweigen verpflichtet und die aufgefundene Ikone in die Nähe des Ahornwegs verbracht haben. So steht es in dem niederländischen Schreiben, das zur Wallfahrt in Holsterhausen aufruft.

Den Gläubigen erschien nach besagten Jahren am 3. April 1987 Maria, diesmal in Amsterdam, wo sie die Erde berührt haben soll. Die Propheten und ihre Anhänger sehen darin einen Zusammenhang zwischen der Holsterhausener und der Amsterdamer Erscheinung.

Der Maler Robert W. Nöcker fertigte 1954, im Jahr der erneuten Erscheinung Marias, für die von der Gemeinde St. Antonius 1952 abgetrennte Gemeinde St. Bonifatius ein Bild, das mit dem Titel „Heilige Jungfrau von Amsterdam und Holsterhausen“ auf die Marien-Erscheinung hinweist. Inzwischen wird in Wallfahrerkreises der Antoniusstraße die Erscheinung als „Unsere liebe Frau von Holsterhausen“ oder „Heilige Frau von Holsterhausen“ genannt. Denn in diesem Sinne sei „Holsterhausen ein Ort der Hoffnung“. – In den letzten fünf Jahren wurden die Wallfahrten in Holsterhausen unmerklicher. Fahrzeuge mit niederländischen Kennzeichen waren immer weniger anzutreffen. Heute vielleicht gar nicht mehr.

Dorstener Apothekersohn Carl Geiger faszinierte die Marpinger Erscheinung 

Marienerscheinungsanlage in Marpingen (2009)

Über ihn und sein Leben ist wenig bekannt und in Archiven sucht man vergebens nach Informationen. Nur die letzten Jahre seines Lebens sind dokumentiert, weil sich der Dorstener Apothekersohn und Diakon Carl Jakob Maria Geiger (1815-1889) mit Inbrunst einer Marien-Erscheinungsgeschichte hingegeben hat, die ihn im letzten Lebensjahrzehnt in das saarländische Marpingen geführt hatte. Die Gemeinde hatte damals gerade 1.800 Einwohner, davon 90 Prozent Katholiken. Die meisten waren Bergleute, die wenigsten Ackerleute. Der Ort wurde schlagartig bekannt, als am Abend des 3. Juli 1876 drei achtjährigen Schulmädchen „die Allerseligste Jungfrau Maria“ erschienen war. Der Ortspfarrer war anfangs skeptisch, später schenkte er der Erscheinungsgeschichte Glauben. Unter den zahlreichen Pilgern, die aus Deutschland und dem Ausland nach Marpingen kamen, befand sich auch der Dorstener Diakon Carl Geiger, der von der Marienerscheinung offensichtlich so angetan war, dass er sich in dem saarländischen Ort niederließ.

Er lebte nach Franziskus-Idealen

Carl Jakob Maria Geiger war der Sohn des Dorstener Apothekers Jakob Geiger und dessen Ehefrau Franziska Rhodius, Apothekertochter in Dorsten, deren Vater Valentin Rhodius 1832 in Recklinghausen die aus dem Jahre 1740 stammende „Alte Apotheke“ übernommen und sie in die Breite Straße verlegte hatte, wo sie heute noch besteht. Carl Geiger wollte eigentlich Priester werden. Er studierte Theologie in Leuven (Belgien) und erhielt die Weihen zum Diakon. Aus gesundheitlichen Gründen musste er allerdings seinen Priesterwunsch aufgeben. Geiger lebte in Paris, Köln und Münster. Was er beruflich tat, ist nicht bekannt. Doch brachte er es zu erheblichem Vermögen, bevor er sich in Marpingen niederließ. Man sah ihm und seinem Lebensstil seinen Reichtum nicht an, schrieben die Weitenbacher Franziskanerinnen in Marpingen in ihre Chronik: Er „lebte aber selbst in großer Armuth“. Geiger soll das „Franziskus-Ideal vorgeschwebt haben. Deshalb legte er für sich selbst das Gelübde der Armut im Geiste des hl. Franziskus ab und wollte seinen Lebensabend mit Werken der christlichen Liebestätigkeit in Marpingen verbringen. Mit seinem Geld begünstigte Geiger nur franziskanische Genossenschaften.

Geiger gründete das katholische Schwesternhaus in Marpingen

Damit er seine christliche Mission  noch effektiver gestalten konnte, kaufte er im Jahre 1886 ein Haus mit Garten und dazugehörigen Stallungen in Marpingen, um die Gründung einer Niederlassung der Franziskanerschwestern aus dem Mutterhaus in Aachen zu fördern. Doch der Aachener Bischof ließ diese Schwesternschaft nicht zu, sondern eine andere aus Holland.

Bismarck: Soldaten gegen Volksfrömmigkeit

Carl Geiger lebte nicht mehr lange. Denn auch die Aufregung über das verschleppte kirchliche Anerkennungsverfahren der Kranke heilenden Marienerscheinung, die ihn in das saarländische Dorf geführt hatte, machte ihm gesundheitlich zu schaffen. Dass die katholischen Pilgermassen aus ganz Europa in das kleine Bergbaudorf („saarländisches Lourdes“) strömten, unterdrückte die Bismarcksche Regierung im Zuge des einsetzenden Kulturkampfes auch mit Soldaten. Die katholische Kirche versäumte eine fundierte Prüfung der wundersamen Erscheinung. Darüber starb Carl Geiger im Alter von 74 Jahren. Auf seinem Grabstein in Marpingen steht:

„Hier ruhen die sterblichen Überreste des Ehrwürdigen Herrn Diakon Carl Jakob Maria Geiger, geboren am 6. Februar 1815, gestorben am 7. Juli 1889. Vergesset Euren Wohltäter nicht in Euren Gebeten!“

Am Ort der früheren Erscheinung von 1876, wo jetzt eine Kapelle steht, soll Maria zwischen Mai und Oktober 1999 erneut drei Frauen dreizehn Mal erschienen sein und ihnen Botschaften übermittelt haben. Am 8. August 1999 pilgerten mehr als 20.000 Menschen zur Marienkapelle, um dem Erscheinungsereignis beizuwohnen. Eine Übernatürlichkeit der Erscheinung, an die Carl Jakob Maria Geiger glaubte, wird von der katholischen Kirche nicht anerkannt, eine kirchenamtliche Untersuchungskommission stellte 2005 Zweifel am behaupteten Erscheinen einer himmlischen Person fest.

Dorstener Franziskanerpater machte Neviges zum Wallfahrtsort

Aufgefundenes Gnadenbild von Hardenberg

Hätte Pater Antonius Schierle vom Franziskaner-Konvent Dorsten im Jahre 1680 beim Beten vor dem Bildchen nicht die Worte Marias gehört „Bring mich nach dem Hardenberg, dort will ich verehrt sein”, wäre Dorsten und nicht Neviges seit über 300 Jahren der älteste nördlich der Alpen gelegene Wallfahrtsort zur Verehrung der unbefleckten Empfängnis. Doch Pater Schierle folgte den gehörten Worten Marias und brachte das Bild mit der ebenfalls gehörten Weissagung über Krankenheilungen nach Hardenberg in Neviges. Damit war er, der Dorstener Pater, der eigentliche Begründer der Wallfahrt, wenn auch sein Bischof, Ferdinand von Fürstenberg, Fürstbischof von Paderborn und Münster, ein Jahr später mit seinem Segen die Wallfahrt erst richtig ins Leben rief. 1968 wurde in Neviges der Wallfahrtsdom seiner Bestimmung übergeben. Er besteht aus Beton, bietet 7.000 Pilgern Platz und wird jährlich von Hunderttausenden besucht. 1978 kamen der Primas von Polen, Kardinal Stefan Wyszynski, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Joseph Höffner, und der Kardinal Karol Wojtyla zur Wallfahrtskirche. Wojtyla wurde wenige Tage später zum Papst gewählt. In einer Säule im Inneren des Doms befindet sich das „Hardenberger Gnadenbild“, auf dem Maria dargestellt ist. Die Pilger stellen sich davor und berühren das Bild, welches sich hinter Glas befindet, beten oder bitten um etwas.

Maria auf der Mondsichel – Symbol der Unbeständigkeit der Menschen

In der Offenbarung des Johannes steht: „Ein großes Zeichen erschien am Himmel: eine Frau mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt einen Kranz von zwölf Sternen” (Offb 12, 7). Auf dem Nevigeser Gnadenbild ist Maria mit der Sonne bekleidet, den Mond unter den Füßen und auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen. Mit der Sonne bekleidet sein, heißt mit Christus umkleidet zu sein. Der Mond, auf dem Maria steht, ist ein Symbol für Unbeständigkeit und Wankelmüdigkeit der Menschen vor Gott, die Schlange symbolisiert die Versuchung und die zwölf Sterne sind die Apostel. – Der Dorstener Franziskanerpater Antonius Schierle (auch Shirley geschrieben) starb am 18. August 1694 während der Missionierung Frieslands und ist im Kloster zu Aschendorf beigesetzt.

Nachtrag Februar 2016: Bislang unbekannte Täter hatten das Gnadenbild Anfang Februar 2016 aus der Wallfahrtskirche „Maria Königin des Friedens“ im Mariendom entwendet. Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen. Der Tathergang ist bislang ebenfalls noch unbekannt. Generalvikar Dominik Meiering war bestürzt über den Diebstahl. Vor der Presse: „Das Bild hat eigentlich materiell überhaupt keinen Wert. Ideell dagegen ist der Diebstahl ein unschätzbarer Verlust für die unzähligen Menschen, die Jahr um Jahr nach Neviges pilgern und denen es so viel bedeutet. Ich appelliere an den oder die Täter, uns und den Pilgern das Bild wie auch immer zurückzugeben, auch anonym.“ Einen Tag später sagte er: „Halleluja! Zu unserer aller größten Erleichterung haben wir heute Nachmittag das gestern gestohlene Nevigeser Gnadenbild vor unserer Klosterpforte aufgefunden.“ – In Butterbrotpapier eingepackt.

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Quellen: Eingangstext stark zusammengefasst Wikipedia. – Dorsten-Lexikon (online).
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