Dorsten ist seit 1985 symbolisch eine „atomwaffenfreie Zone“ – Gerüchte um gelagerte Atomraketen in der Muna Wulfen und im Nato-Stützpunkt Erle verstummten nie

Nike/Hercules-Raketen in der Erler Stellung; Foto entnommen: dorf-erle.de

Von Wolf Stegemann

7. August 2015. – Dieser Tage vor 70 Jahren zerstörten zwei US-amerikanische Atombomben die japanischen Großstädte Hiroshima am 6. August, Nagasaki am 9. August und töteten 92.000 Menschen, fast ausschließlich Zivilisten. An den Folgen starben bis Ende 1945 weitere 130.000 und in den folgenden Jahren kamen weitere hinzu. An 1. September 1945 endete auch dort der zweite Weltkrieg. Weltweit wurden Hiroshima und Nagasaki zu Symbolen für die Schrecken des Krieges und vor allem eines möglichen Atomkrieges zu Zeiten des Kalten Krieges. Dies schreckte aber Politiker und Militärs weder im Westen noch im Osten davon ab, Atombomben-Arsenale anzulegen und damit zu drohen. Dorsten war tangiert von der britisch besetzten Munitionsanstalt in Wulfen (Muna) und der Nato-Basis in Erle, in denen man Atomwaffen vermutete. Daher war die Muna in den 1980er-Jahren immer wieder ein Ort für Demonstrationen der Atomwaffengegner.

Protestaktionen vor dem Tor der Muna in Wulfen                        

Alter Betonbunker auf dem Muna-Gelände; Foto: Wulfen-Wiki Christian Gruber

Ihren Ursprung hat die Ostermarsch-Bewegung in den 1950er-Jahren in Großbritannien. Seither gehen (besser gesagt: gingen) jedes Jahr zu Ostern in verschiedenen Ländern Zehntausende von Menschen auf die Straße, um für den Frieden zu demonstrieren. Der erste Ostermarsch in Deutschland fand 1960 statt. Der Bewegung gehörten zunächst vornehmlich Anhänger eines ethisch-religiösen Pazifismus an. Schon bald wurde die Ostermarsch-Bewegung zu einer außerparlamentarischen Sammlungsbewegung, die jedoch 1970 mit dem Austritt führender Mitglieder Ende der 1960er-Jahre wieder zerfiel. Erst 1982 erlebte die Ostermarsch-Bewegung mit der Debatte über die Nachrüstung der NATO eine Wiedergeburt. Mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall des Ostblocks hat das Interesse an den Ostermärschen inzwischen erheblich nachgelassen. Waren zu Spitzenzeiten der Ostermärsche noch Hunderttausende auf den Beinen, so beteiligten sich 1993 in Deutschland gerade noch 70.000 Menschen an den Veranstaltungen, die vor allem den AWACS-Einsatz der Bundeswehr zur Durchsetzung des Flugverbotes über Bosnien-Herzegowina zum Thema hatten. Auch in Dorsten ist es lange her, wo die Ostermärsche noch Menschen anzogen, die gegen Krieg und Atomwaffen protestierten. Die Muna in Wulfen war Marsch- und Protestziel der meist aus der linken Bewegung kommenden Ostermarschierer. 1991 schlossen sich dem von 14 Friedensgruppen aufgerufenen Protest vor den Toren der Muna noch über 1.000 Personen an, drei Jahre später waren es nur noch 40. Die Zahl verringerte sich immer mehr, an manchen Jahren fiel der Ostermarsch ganz aus. Doch Proteste, wenn auch leiser, blieben. Anlass dafür, war die unbewiesene Annahme, dass in der Muna Wulfen Atomwaffen lagerten.

Stadtrat erklärte Dorsten für atomwaffenfrei, aber nur symbolisch

Symbolisch gemeint!

Während einer außerparlamentarischen Auseinandersetzung um den Bestand des Munitionsdepots in Wulfen erklärte am 8. Mai 1985 der Rat der Stadt in einer Sondersitzung mit den mehrheitlichen Stimmen von SPD und Bündnis-Grüne gegen die Stimmen der CDU Dorsten symbolisch zur „atomwaffenfreien Zone“. In der Ratsdebatte schlugen die politischen Wellen haushoch. Die von Pfarrer Lackmann zu Beginn der Sitzung gesprochenen besinnlichen Worte waren von den Ratsmitgliedern in ihrer hitzigen Auseinandersetzung  (heute gibt es solche leider nicht mehr) schnell vergessen. Antragsteller waren die „Frauen für den Frieden“, die Dorsten atomwaffenfrei haben wollten. Die Verwaltung schlug dem Rat vor, diesen Antrag wegen Unzuständigkeit des Rates abzulehnen. Zudem hätte die Stadt sowieso keinen Einfluss darauf, ob und wo Atomsprengköpfe der Alliierten gelagert würden. In der Abstimmung nach der hitzigen Rednerschlacht im Rat entstand ein Patt, so dass der Antrag für angenommen galt. Keine Mehrheit erhielt dagegen der Antrag der Grünen, nun, da Dorsten „atomwaffenfrei“ sei, den Bau von Atombunkern in Kellern von öffentlichen und privaten Häusern zu verbieten. Einen weiteren Antrag der Bündnis-Grünen, keine öffentlichen Gelöbnisse der Bundeswehr mehr in Dorsten zuzulassen, zogen die Grünen vor der zu erwartenden Abstimmungsniederlage zurück. Mitte des Jahres 2000 regte die SPD an, die Muna aus Sicherheitsgründen aus dem Wohngebiet auszusiedeln.

Raketen in der Nato-Basis Erle waren zur DDR-Grenze ausgerichtet

Militäranlage in der Nato-Basis; Foto: dorf-eErle.de

In Dorstens unmittelbarer Nachbarschaft befand sich von 1963 bis 1983 ein Nato-Stützpunkt mit abwechselnd niederländischen und belgischen Soldaten unter Befehl der Amerikaner mit Kaserne, Wohnsiedlung, Radarstation und Raketendepots. 300 Soldaten der 221. Sqadron der Niederländischen Luftwaffe rückten 1963 mit auf Tiefladern transportierten Raketen an und bezogen auf einem 40.000 Hektar großen Areal im Süden von Erle ihren Stützpunkt. Unter dem Oberbefehl der US-amerikanischen Streitkräfte, es waren auch 30 amerikanische Soldaten in Erle stationiert, bauten sie mit „Nike“- und „Ajax“-Raketen ein Luftabwehrsystem auf, das Tag und Nacht in Bereitschaft stand. Bekannt war, dass solche Raketen auch mit nuklearen Sprengköpfen ausgestattet werden konnten. Das Areal wurde zum Sicherheitsbereich erklärt. Die Arbeiter der Dorstener Baufirma Bolmerg, welche die Betonfundamente für Häuser und Rampen bauten, wurden zum Stillschweigen verpflichtet und Segelflieger durften das Gelände nicht überfliegen. Jahrelang stand diese militärische Einrichtung im Focus Dorstener Atomwaffengegner, denn sie vermuteten, dass die dort gelagerten „Nike/Hercules“-Raketen mit atomaren Sprengköpfen ausgestattet waren. Regelmäßig wurde dies behauptet und regelmäßig dementiert.

Frühere Verteidigungs-Staatssekretärin: Keine Atomköpfe in Erle

Handwäsche; Foto: dorf-erle.de

Diese Nato-Basis, die 1983 US-Amerikaner übernehmen sollten, fiel allerdings dem Rotstift des Pentagon zum Opfer. Der Stützpunkt wurde aufgegeben und die Gebäude leer gezogen, in denen unter Leitung des Roten Kreuzes ab 1989 Aussiedler und Asylbewerber untergebracht waren. Heute gibt es dort eine Wohnsiedlung und im Bereich der damals versteckten Raketenstellungen, die zur DDR-Grenze ausgerichtet waren, einen Hundeplatz und landwirtschaftlich genutzte Flächen. Wo früher Soldaten  martialisch in Kampfbereitschaft lagen, spielen heute Kinder. Doch das Gerücht über dort gelagerte Atomsprengköpfe verstummte nie. Die 2009 verstorbene frühere Parlamentarische Staatssekretärin im Verteidigungsministerium, die Holsterhausenerin Agnes Hürland-Büning, beantwortete 2008 in einem Gespräch mit dem Autor die Frage nach Atomraketen in Erle mit einem klaren Nein. „Dort waren nie atomare Sprengköpfe gelagert.“

  • Und woher bekommen wir Dorstener den Strom?

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Quellen: Gespräch Wolf Stegemann mit Agnes Hürland-Büning im September 2008 und mit Gregor Duve 2009. – Ursel Beier/Jo Gernoth „Kalter Krieg: Als das Dorf Erle Raketenstützpunkt war“ in WAZ vom 15. April 2009. – Dorsten-Lexikon 2015 (www.dorsten-lexikon.de).

 

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