Zurückgeblättert … Schulrat und Pilzkenner Johannes Brock und seine berühmten Söhne Norbert und Jürgen – der eine Generalindentant, der andere Krebsforscher

Dorstener Schulrat und Pilz-Experte Johannes Brock; Fotos: Familie Brock

Von Wolf Stegemann

Besonders die Pilze des Vests hatten es dem Schulrat angetan, der 1924 Leiter der Pilzberatungsstelle des Landkreises Recklinghausen wurde und einer der profiliertesten Pilzkenner war. In jahrzehntelanger Arbeit erstellte er eine „Pilzliste für das Vest Recklinghausen und seine angrenzenden Gebiete“ mit über 420 Arten und immer wieder entdeckte der 1874 in Graffeln/Kreis Düren geborene Johannes Brock neue Pilzarten an neuen Standorten; beispielsweise waren es 1939 vier, 1940 zehn, 1941 vier und 1942 drei neue Pilzarten.

Sein Vater war Gutsaufseher des dem Baron von Brenken gehörenden Gutes Graffeln bei Wewelsburg. Dort entdeckte er schon früh sein Interesse für Pilze, als er einmal als Kind bei der Zubereitung eines Eierpilzgerichts zusehen durfte. Er beäugte seitdem jeden Pilz nach seinen Sonderheiten, ohne ihn zu essen. Denn allzu groß war seine Sorge vor einer Pilzvergiftung. 1906 kam er an das Lehrerseminar nach Dorsten und hatte anfangs wenig Zeit für Pilze. „Ernährung aus dem Walde“ linderte für manche Dorstener die Notzeit des Ersten Weltkriegs und der Jahre danach. Johannes Brock entdeckte in dieser Zeit wieder sein Interesse für Pilze. Er erstellte eine Liste mit essbaren Pilzen. Solches geschah damals zwar überall im Reich, aber nirgends so gründlich wie es Brock im Kreis Recklinghausen tat. Deshalb wurde die Kreisverwaltung auf ihn aufmerksam.

An seinen Fachkenntnissen ließ er andere stets teilhaben

1924 übernahm Brock als Schulrat den Schulaufsichtsbezirk. Brock verband in seiner Person den gesetzlich-schulischen Lehrauftrag mit seiner Naturverbundenheit und versuchte, seine ihm unterstellten Lehrkräfte zu bewegen. Brock wurde Leiter der Pilzprüfstelle des Landkreises Recklinghausen. Dass die Bedeutung des Schulrats Brock für die Pilzwissenschaft nicht auf das Kreisgebiet Recklinghausen beschränkt blieb, zeigte sich, als im Herbst 1942 in der Oberpfalz, im Schwarzwald, in Schlesien und in der Lüneburger Heide ein große Pilzsammelaktion mit Sammelstellen der Behörden und der NSDAP durchgeführt wurde. Pilzkenner aus allen Teilen des Reiches trafen sich, um den Behörden zu helfen, in Zeiten des Zweiten Weltkriegs – wie im ersten Krieg – unter dem Motto „Ernährung aus dem Walde“ die natürlichen Lebensmittelressourcen des Waldes zu nutzen. Im Jahre 1911 heiratete Johannes Brock die Lehrerin Rosina Franziska Hunecke aus Benteler (1883 bis 1959). Das Ehepaar hatte drei Kinder: Norbert Franz (1912 bis 2008), Agnes Maria (geboren 1913) und Ewald (geboren 1916, nachträglich als Ewald Jürgen standesamtlich geändert; nannte sich dann nur noch Jürgen).

Brocks Pilzlied

Johannes Brock dichtete nach der Melodie des Volksliedes „Wohlauf, die Luft geht frisch und rein“ ein aus vielen Strophen bestehendes „Pilzlied“, das im Vestischer Kalender Nr. 40 abgedruckt ist.

Wohlauf, die Luft weht feucht und warm durch Gottes Sommergarten!
Wir wandern heute Arm in Arm dahin, wo Pilze warten.
In Feld und Wald, in Wies’ und Hain, auf Bergen und in Gründen
Da können wir sie groß und klein, zu Tausenden nun finden.
Blätterpilz, Röhrenpilz, Bauch- und Schlauch-, Korallenpilz:
Wir werden euch schon finden.

Nicht schert uns wie viel Nährgehalt die „Schwämme“ in sich tragen,
Wenn lieblich duftend sie nur bald, uns füllen Korb und Magen.
Ein Pilzgericht frischt auf das Blut, schafft Wechsel in den Speisen;
Drum essen wir mit frohem Mut die Pilze, die da heißen,
Pfifferlinge, Ritterling, Schneck- und Por- und Trichterling,
Und wie sie weiter heißen.

Was leuchtet aus dem Wiesengrün in silberweißem Kleide? –
Der Egerling! Wir eilen hin und drehn ihn ab voll Freude.
Er bringt uns niemals Angst und Not, wenn rosa sind die Blätter;
Doch birgt in sich den sichern Tod sein giftgeschwoll’ner Vetter.
Blätter weiß, Knolle dick – Mensch, bedenke dein Geschick,
Hand ab vom gift’gen Vetter!

Sein Sohn Jürgen Brock war Schauspieler und Generalintendant

Johannes Brocks 1916 in Dorsten geborener Sohn Jürgen machte 1930 das Abitur am Gymnasium Petrinum. Danach  studierte er an der Folkwangschule Essen Musik, Theater und Tanz, leistete von 1938 bis 1945 Kriegsdienst, ging als Schauspieler an die Kammerspiele München, an das Stadttheater Bielefeld, das Staatstheater Stuttgart, dann an die Städtischen Bühnen Wuppertal und danach als Schauspieler und Regisseur an die Städtischen Bühnen nach Nürnberg, Augsburg und Gelsenkirchen sowie an die Vereinigten Bühnen Graz, wo er bis 1967 wirkte. Seine schauspielerischen Sporen verdiente er sich in dem fünfteiligen TV-Filmklassiker Anfang der 1960er-Jahre „Am grünen Strand der Spree“ im NWDR-Fernsehen Köln, eine Verfilmung des Romans von Hans Scholz (1955). Ab der Spielzeit 1968/69 wirkte Jürgen Brock als Intendant am Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel. 1968 wechselte Brock als Intendant zum Theater am Domplatz, das übrigens ab 1971 den Namen „Städtische Bühnen Osnabrück“ trägt, und machte sich als Schauspieler und Regisseur einen Namen in Berlin, am Opernhaus Teheran sowie an den Theatern in Innsbruck, Münster, Bamberg und Klagenfurt. 1976 wurde er in Osnabrück zum Generalintendanten ernannt. Dort blieb er bis zu seiner Pensionierung 1981. Das Osnabrücker Tagblatt schrieb bei seiner Wahl zum Intendanten im Jahre 1967:

„Er angelt gern und pflegt seinen Kleingarten, ist verheiratet und hat drei Kinder; er gilt als ehrgeizig, und es heißt, er könne mit begrenzten Mitteln beachtliche Leistungen erzielen. […]Er will ohne Schauspieler-Kometenschweif kommen, vielmehr den Anfang mit dem vorhandenen Osnabrücker Ensemble machen. […] In Westfalen, wo man ihn kennt, gilt er als guter Schauspielregisseur.“

Ein Pfeife rauchender Prinzipal der alten Schule mit modernen Ansichten

Bei seinen Mitarbeitern und Kollegen war Jürgen Brock sehr beliebt. Sie nannten ihn respektvoll „Prinzipal“. Dr. Peter Schneider beschreibt seinen Freund Jürgen Brock als kooperationsbereit und aufgeschlossen.

„Und dass er – schon von seiner Erscheinung und Persönlichkeit her imposant und ein echter Westfale, Pfeife schmauchend und gern ein realistisches, derbes Wort gebrauchend – keine faulen Kompromisse mochte. […] Sein Wort galt, ohne dass es schriftlich bestätigt werden musste.“

In seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins gratulierte der Bayerische Staatsintendant August Everding Jürgen Brock persönlich zum 60. Geburtstag. In einem schriftlichen Grußwort zur Publikation „13 Jahre Theaterarbeit in Osnabrück“ beglückwünschte er den Dorstener, „der sein Haus 13 Jahre wohl bestellt hat, den engagierten Theatermann, der allen Sparten des Theaters ihren richtigen Platz gegeben hat, der das Kindertheater so wichtig gemacht hat wie das Studiotheater“. – Jürgen Brock  starb  1987 in Osnabrück.

Der Bruder Norbert Brock war ein international angesehener Krebsforscher

Der 1912 geborene Norbert Brock besuchte ebenfalls das Gymnasium Petrinum, machte 1930 Abitur, studierte anschließend an den Universitäten Münster und Düsseldorf Medizin, legte 1936 sein medizinisches Staatsexamen ab, wurde promoviert und 1940 in Berlin habilitiert.Danach war er als Truppenarzt in Afrika und Russland, wurde 1943 an die Ärztliche Akademie der Luftwaffe nach Berlin berufen, heiratete 1944 in Berlin und bekam fünf Kinder. 1949 übernahm Brock die Leitung der Pharmakologischen Abteilung der Astat-Werke in Bielefeld und legte in den darauf folgenden Jahren durch seine Forschungsarbeit zur Tumorbehandlung einen Meilenstein in der onkologischen Pharmaforschung, dem etliche weltweite Auszeichnungen folgten, darunter die Ernennung zum Honorarprofessor an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster 1954, der Gerhard-Domagk-Preis 1977, der Johann-Georg-Zimmermann-Preis 1977. Auch war er als Berater der Regierung tätig. Die Technische Universität München verlieh ihm „in Würdigung seiner Arbeiten auf dem Gebiet der Chemotherapie des Krebses“ 1978 die Ehrendoktorwürde. Die Deutsche Pharmakologische Gesellschaft ernannte ihn 1979 und die Deutsche Krebsgesellschaft 1984 zum Ehrenmitglied. Er erhielt den Preis der Deutschen Therapiewoche 1982, den Deutschen Krebspreis 1987, ein Jahr später als erster deutscher Krebsforscher den Caine-Award der Amerikanischen Association für Cancer Research und 1995 den Charles F. Kettering Price der General Motors Cancer Research Foundation.

Mit seinen außerordentlichen Verdiensten um die Erforschung der chemotherapeutischen Behandlungsmethoden der Krebserkrankungen hat Brock wesentlich zum Ansehen der deutschen Krebsforschung beigetragen. So ist er u. a. maßgeblich an der Entwicklung so bedeutender Krebstherapeutika wie Cyclophosphamid, Ifosfamid und Mesna beteiligt. – Norbert Brock lebte und starb 2008 in Bielefeld.

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Quellen: Zu Schulrat Brock: Philipp Schaefer „Der Mykologe Johannes Brock, der Forscher und sein Werk“ in Vestisches Jahrbuch 1956. – Ders. „Schulrat Brock, der große Pilzkenner“ in Vestischer Kalender 1957. – Wolf Stegemann in RN vom 7. November 1997. – Telefonische und schriftliche Angaben der Familien Dr. Brock in München und in Celle.
Zu Norbert Brock: Nach Wikipedia, Online-Enzyklopädie. – Angaben der Familien Dr. Brock in München und in Celle.
Zu Jürgen Brock: Dr. Peter Schreiber „Die Intendanz von Jürgen Brock“ in „Weiterspielen Osnabrücker Theaterarbeit von 1945-1984. – Osnabrücker Tagblatt vom 22. Juni 1967. – Manfred Böhmer in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) vom 10. September 1974. – Pressestelle Theater Graz/Österreich. – Pressestelle Theater Osnabrück.

 

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Ein Kommentar zu Zurückgeblättert … Schulrat und Pilzkenner Johannes Brock und seine berühmten Söhne Norbert und Jürgen – der eine Generalindentant, der andere Krebsforscher

  1. Marie sagt:

    Dass Dorsten einmal eine Stadt mit Niveau, Kultur, Bildung, Wissen und Charme war, ich kann es mir kaum vorstellen. Aber so muss es gewesen sein. Liest man die Porträts des Herrn Stegemann kommt dem Leser eine Ahnung von der „guten alten Zeit“, und höre ich meine Mutter von dem schönen Café Maus schwärmen, bedaure ich sehr, sie nicht mehr erlebt und gekannt zu haben, die guten Dinge, die das damals wohl schöne Dorsten ausgemacht haben.

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