Rhader Feuerwehrmann als rassistischer und brutaler Schläger angezeigt – Mit „Scheiß Nigger“ prügelte er einen 20-jährigen Studenten in Xanten krankenhausreif

Oktoberfest in Xanten 2014 - Blick ins Festzelt; Foto: facebook

Von Wolf Stegemann

Die Rhader Feuerwehr dürfte sich in den nächsten Tagen und Wochen mit Rassismus und Gewalttätigkeit auseinanderzusetzen haben. Denn Udo Frei (Name geändert und frei erfunden), Mitglied der Rhader Feuerwehr, wurde jetzt strafrechtlich angezeigt, einen 20-jährigen jungen Mann, dessen Hautfarbe auf ausländische Abstammung (Vater aus Nordafrika) schließen lässt, nicht nur brutal krankenhausreif geschlagen, sondern ihn auch noch mit rassistischen Sprüchen wie „Scheiß Nigger“ beschimpft zu haben.

Rassismus gesellschaftsfähig?

Liest man Schlagzeilen in den Zeitungen und Aufrufe im Internet, dann fällt dem aufmerksamen Leser auf, dass viele Feuerwehren in den Städten zwischen Kufstein und Kiel zu Aktionen aufrufen wie „Jungendfeuerwehr gegen Rassismus“ oder „Feuerwehr Oberstein plant Fest gegen Rassismus“, „Jugendfeuerwehr gegen Rassismus jetzt vernetzt“. Eigentlich eine gute Sache. Ist es auch. Doch man darf nicht überlesen, dass sich Feuerwehrleute immer wieder als Rassisten gebärden. Zwei Feuerwehrleute aus Gladbeck wurden 2011 wegen volksverhetzender Äußerungen vom Dienst suspendiert. In der Mindener Feuerwehr konnte sich jahrelang ungehindert ein bekannter Neonazi aufhalten und in Klagenfurt (Österreich) bezeichnete ein Berichterstatter der Feuerwehr in seinem offiziellen Einsatzbericht Beteiligte an einem Brand offiziell als „Tschuschen“, ein starker verhetzender und abwertender Ausdruck für slawisch. Daraufhin wurde der  Feuerwehrmann sanktioniert und das Wort „Tschuschen“ mit „Bewohner“ ausgetauscht. Bei den derzeitigen rassistischen Entwicklungen in den USA gewinnt der Leser den Eindruck, dass dort der seit drei Jahrzehnten eingedämmt geglaubte Rassismus und die Polizeigewalt gegen Farbige wieder gesellschaftsfähig geworden sind.

Zum Oktoberfest in den Xantener Südsee-Wiesn

Zurück nach Rhade bzw. Xanten und zu der Frage, wie es zu dem eingangs geschilderten Vorfall in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober kam. Tatort war der Parkplatz „Am Meerend/Strohweg1“ nahe Xanten. Dort findet jährlich ein „Oktoberfest“ statt, zu dem aus der gesamten Region und auch von weiter her stimmungsfreudige Menschen hinfahren, um zu feiern. Etliche haben dann Seppelhosen und karierte Hemden an. So auch Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Rhade, die mit einem Bus zu diesem Oktoberfest gefahren waren, das süffige Oktoberfest-Bier getrunken hatten und sich nachts wieder auf den Heimweg machen wollten.

Mit einem Stinkefinger fing alles an

Es ist 1 Uhr nachts, als die fünf Xantener Freunde Hakeem M., Nick P., Niklas E., Mark K., Julian K. und der Geschädigte Sofien Müller (20), Student der Musikwissenschaft und Sprachen, vor dem abfahrbereiten Bus der Rhader stehen und den Shuttle-Bus ins fünf Kilometer entfernte Xanten suchen. Sie fragen den Busfahrer des Rhader Busses, ob dieser nach Xanten führe. Der Busfahrer bejaht die Frage, nimmt die Jungen aber nicht mit, von denen zwei afro-europäisch sind und einer so aussieht. Daraufhin, so Sofien Müller, zeigen einige der Insassen des Busses durch die Fensterscheibe grinsend den Stinkefinger. „Wir revanchierten uns ebenso mit dem Stinkefinger und lachten darüber.“ Ein Wort gibt das andere. Da öffnet der Busfahrer die hintere Tür und mehrere Männer steigen aus, bilden sofort einen engen Halbkreis um Sofien Müller, der mit dem Rücken zum Bus steht. Sofien fragt: „Was wollt ihr denn von mir?“ Als Antwort bekommt er einen kräftigen Faustschlag von Udo Frei ohne Warnung oder sichtbare Drohung direkt ins Gesicht, wie der Geschädigte schildert. Dem folgen schnell 10 bis 15 weitere Schläge. Dabei soll der Schläger mehrfach wütend „Scheiß-Nigger“ und „Nigger“ gerufen haben, wie aus der Strafanzeige hervorgeht. Ein weiterer Freund wird von zwei Männern ebenfalls geschlagen.

Ohne Worte

Polizei fuhr den Rhadern hinterher und stoppte den Bus

Sofien Müller kann nicht ausweichen, weil er mit dem Rücken zum Bus steht und von den anderen eingekeilt ist. Ein Freund von Sofien kann den Verletzten aus dem Halbkreis der zuschauenden Männer heraus und ein paar Meter weiter weg schleppen. Sofien kann sich halb ohnmächtig gegen einen PKW lehnen. Da kommt der Schläger, der später identifiziert wird, erneut zu Sofien und meint „Das hast du jetzt davon, dass du hier so rumdiskutierst. Ich hätte dich noch weiter verprügelt, aber ich lasse das jetzt!“

Ein Ersthelfer versorgt den Schwerverletzten. Die Männer der Freiwilligen Feuerwehr Rhade sind unterdessen wieder in den Bus gestiegen. Als der Fahrer anfährt, will ein Freund Sofiens ihn aufhalten. Doch der  Busfahrer bedroht ihn mit einem Elektroschocker, wie ein Zeuge erkannt haben will. Daraufhin fährt der Bus ab. Einer der Freunde schreibt das Kennzeichen des Busses auf. Die inzwischen herbeigerufene Polizei fährt dem Bus hinterher, stoppt ihn und holt ihn zurück. Die Personalien der Insassen und des Fahrers werden festgestellt.

Trümmerbruch und vorübergehende Erblindung

Der Verletzte Sofien Müller kommt zunächst zur Versorgung ins Krankenhaus nach Xanten, dann nach Duisburg, wo ein Trümmerbruch im Kieferbereich und eine zunächst hundertprozentige Erblindung auf dem rechten Auge festgestellt werden. Sofien Müller wird am 6. Oktober operiert. Inzwischen hat sich die Sehrkraft gebessert.

Den Schläger identifiziert

Als Sofien Müller wieder zuhause war, sah er sich im Internet die Homepage der Freiweilligen Feuerwehr Rhade an und konnte auf einem Foto Udo Frei auch im Nachhinein identifizieren. Die Polizei in Xanten teilte den Eltern mit, dass eine Anzeige von Amts wegen bei der Staatsanwaltschaft erstattet werde. Unabhängig davon hat Sofien Müller über einen Anwalt in Wesel Strafanzeige gegen Udo Frei, wohnhaft in Rhade, sowie gegen Unbekannt, „hier insbesondere gegen den Fahrer des Busses“ gestellt. Gegen den Fahrer deshalb, weil dieser Kenntnis der Situation und Kenntnis der Verletzungen von Sofien Müller und eines weiteren jungen Mannes hatte, der ebenfalls geschlagen wurde. Der Busfahrer hat trotz Aufforderung, am Tatort stehen zu bleiben, diesen verlassen. Nach Ansicht des Anwalts liegt hier eine unterlassene Hilfeleistung durch den Fahrer des Busses auf jeden Fall vor.

Noch keine Entschuldigung

Liest man diesen Fall, dann ist man sprach- und ratlos. Man darf gespannt sein, wie der mutmaßliche Täter und wie die Feuerwehr reagieren werden. Ob es zu einer Entschuldigung reichen wird? Bislang ist bei der Familie Müller eine solche nicht eingegangen.

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Anmerkung: Der Name des mutmaßlichen Täters wurde von uns geändert und ist frei erfunden. Namensgleichheiten mit Personen, die so heißen, sind rein zufällig. Quellen: Gespräch mit Helga Müller (Mutter) und Sofien Müller am 22. November 2014. – Strafanzeige des Rechtsanwalts Matthias Oennig, Wesel, vom 16. Oktober 2014 an Kreispolizeibehörde Wesel (489/14).

 

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7 Kommentare zu Rhader Feuerwehrmann als rassistischer und brutaler Schläger angezeigt – Mit „Scheiß Nigger“ prügelte er einen 20-jährigen Studenten in Xanten krankenhausreif

  1. A. B. sagt:

    Ich schließe mich dem hier an. Danke, Herr Stegemann!

    Bürger sagt: Warum, so frage ich mich, braucht es einen Journalisten wie Wolf Stegemann, um diese ungeheuerlichen Vorgänge der Öffentlichkeit bekannt zu machen? Die Decke, die alles zudeckt, sie wird zu kurz und funktioniert nicht mehr, Dorsten transparent sei Dank. Respekt und Achtung möchte ich Ihnen zollen für diesen klar geschriebenen unaufgeregten Artikel, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Vielen Dank, Herr Stegemann.

  2. Martin Horn sagt:

    Rein fiktiv:
    Das Regionalblatt ruft nach dem Vorfall die Rhader Feuerwehr an, in der Absicht, darüber zu berichten. Die Feuerwehr gibt zu bedenken, dass der Zeitung dann wohl die Feuerwehrmanschaft als Leser verloren geht.

  3. Evita sagt:

    Die Mutter des Opfers wendet sich an den Redakteur diesers Online-Seite, wohl, weil keine der unabhaengigen Tageszeitungen ein Ohr für sie hatte. Wahrscheinlich hat sie sich die Mühe gemacht, jemanden zu finden, der ihr Anliegen ernst nimmt und den Mut aufbringt, sich der Sache anzunehmen. Natürlich gilt stets die Unschuldsvermutung. Doch ist es meines Erachtens nicht hoch genug anzuerkennen, dass sich dorsten-transparent unter Beachtung aller journalistischen Regeln der Sache angenommen hat. Serıös und unabhaengig.

  4. Mike Cornelis sagt:

    Wer auch immer sich hinter dem „Bürger“ versteckt, die Vorgänge hören sich erst einmal nur ungeheuerlich an. Ob sie tatsächlich so ungeheuerlich waren wird die Ermittlung durch Polizei und Staatsanwaltschaft zeigen. Bekannterweise hat jede Medallie zwei Seiten.

    Der „Bürger“ suggeriert hier, als wären es Tatsachenbehauptungen, die schon abgeurteilt sind. Es handelt sich aber nunmal zunächst „nur“ um die Darstellung der einen Seite und wie es ein aktuelles Beispiel mit einem Busfahrer zeigt ergibt sich nach Befragung weiterer Personen oftmals ein ganz anderes, viel unaufgeregteres Bild, was einem weder das Blut in den Adern gefrieren lässt noch zu einer anderen Aufgeregtheit taugt. Nicht selten wurde aus einem Opfer der Täter oder umgekehrt.

    Das Einzige was man zu dieser Geschichte sagen kann ist, dass sie sich schlimm anhört und wenn sie sich tatsächlich so abgespielt hat der Täter natürlich angemessen bestraft werden muss. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung, nicht mehr und nicht weniger. Irgendjemanden an den Pranger zu stellen hilft der Sache nicht weiter, auch wenn die gröhlende Masse gerne schnell anfängt Steine auf den vermeintlich Schuldigen zu schmeißen (siehe aktuell Busfahrer). – Vielleicht kann Dorsten transparent aber nun nach fast 3 Wochen einen aktuellen Sachstand mitteilen.

    Anmerkung der Redaktion: Natürlich kommen wir zu gegebener Zeit darauf zurück!

  5. Bürger sagt:

    Warum, so frage ich mich, braucht es einen Journalisten wie Wolf Stegemann, um diese ungeheuerlichen Vorgänge der Öffentlichkeit bekannt zu machen? Die Decke, die alles zudeckt, sie wird zu kurz und funktioniert nicht mehr, Dorsten transparent sei Dank. Respekt und Achtung möchte ich Ihnen zollen für diesen klar geschriebenen unaufgeregten Artikel, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Vielen Dank, Herr Stegemann.

  6. Mike Cornelis sagt:

    Wenn sich die Umstände so zugetragen haben, wie beschrieben, wäre das Verhalten des Feuerwehrmannes durch nichts zu rechtfertigen. Der Vorfall gehört nach allen Seiten hin aufgeklärt und ich bin mir sicher, dass es Polizei, Staatsanwaltschaft und dem zuständigen Gericht bei der grossen Anzahl der Beteiligten gelingen wird, sich ein objektives Bild über die Geschehnisse zu verschaffen. Das objektive Bild vermisse ich in dem Artikel, der auf Aussagen der einen, vermeintlich geschädigten Seite beruht. Vergessen wir trotz der dramatischen und beängstigenden Schilderungen aber nicht, dass erstens die Medaille bekannterweise 2 Seiten hat und zweitens bei aller Beteuerung der einen Seite für die andere Seite die Unschuldsvermutung gilt. Wie oft ist nach Aufklärung der Sachlage aus einem Opfer schon ein Täter geworden und umgekehrt?

    Die Dinge aufzuklären ist Aufgabe der Behörden. Deswegen kritisiere ich an dem Artikel die Einseitigkeit und tendenziöse Suggerierung und Fokussierung darauf, dass es sich bei dem Feuerwehrmann aus Rhade um einen rassistischen Schläger handelt. Das gleicht leider einer Vorverurteilung und die findet in den führenden Medien schon leider häufig genug statt. Dorsten Transparent täte gut daran, nicht auf den journalistischen Einheitsbrei-Zug aufzuspringen, sondern solide zu recherchieren und mit Gespür für die Wahrheit die Sache vollumfänglich zu durchleuchten um seinen Lesern ein realistisches Bild zu vermitteln.

  7. Susanne Hürland sagt:

    Ich finde es erschreckend, dass man jeden Tag solche Schlagzeilen lesen muss. Haben wir denn immer noch nicht begriffen, die Welt ist für alle da, nicht nur für die, die meinen das richtige Aussehen zu haben. Wirklich traurig in der heutigen Zeit immer noch solch einer Intoleranz begegnen zu müssen. Auf der anderen Seite vielen Dank an Herrn Stegemann. dass er auch solch brisante Themen immer wieder in Augenschein nimmt. Mann soll ja nie die Hoffnung aufgeben, auch an das gute im Menschen zu glauben. An dieser Stelle noch gute Besserung für Herrn Müller und es tut mir wirklich leid, was ihm passiert ist. Es macht traurig und ängstlich.

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