Tyrannei der Einkaufstempel – Jetzt sind die kleineren Städte das Hauptobjekt der Begierde – NDR-Umfrage: 72 Prozent der Bevölkerung lehnen Shopping-Center ab, weil sie dem Einzelhandel schaden (Teil 1)

Mitten in der Stadt Recklinghausen zwischen Markt und Rathaus: das entstehende gigantomanische Einkaufszentrum "Arkaden"; Fotos: Helmut Frenzel

W. St. – Nach einer aktuellen Umfrage des NDR, so berichtet die Tageszeitung „DIE WELT“, hätten nur 14 Prozent mit „Gut“ auf die Frage geantwortet: „Wie finden Sie Shopping-Center in kleineren Städten?“. 72 Prozent dagegen antworteten mit der Feststellung: „Lehne ich ab, weil es dem lokalen Einzelhandel schadet.“ 14 Prozent reagierten neutral.

Wie die Dorstener Lokalpresse berichtete, rollen am Montag (16.9.) die Abbruchbagger und -birnen am Lippetor an, um es abzureißen. Damit ist der Projektentwickler Herbert Krämer, der spät, aber immerhin doch noch einen finanzkräftigen Investor gefunden hat, der Realisierung seines gigantomanischen Einkaufscenter-Projekts näher gekommen. Vermutlich wird das Projekt nun – wie geplant – überdimensional, innenstadtunverträglich und den Kanal blockierend – durchgezogen. DORSTEN-transparent hat dazu mehrmals ausführlich und kritisch Stellung bezogen und die negativen Auswirkungen auf die Innenstadt belegt. Im Dorstener Rathaus leider ungehört, als ob es die bundesweite Fachkritik an solchen gigantischen Projekten in Städten wie Dorsten nicht gäbe. Dabei warnen Fachleute, die kein politisches oder finanzielles Interesse an solchen Projekten haben und nicht von Profilierungsneurose angetrieben sind, stets und ständig vor allem Klein- und Mittelstädte vor der „Begierde“ (WELT), sich mit einem solchen Projekt profilieren zu wollen. In der WELT erschien 2012 ein Artikel von Dankwart Guratzsch unter dem Titel „Die perverse Tyrannei der Einkaufstempel“. Er beschreibt die ganz Absurdität des Einkaufscenter-Hypes.

Recklinghäuser "Arkaden" - Bauschluchten zwischen hohen Fassaden

Klein- und Mittelstädte werden systematisch abgegrast

Dort kann man lesen, dass die Planer großer Einkaufszentren in den letzten Jahren „die grüne Wiese“ als Standorte „abgegrast“ hätten, denn: „die Großstädte sind bis auf Ausnahmen von Shopping-Malls okkupiert. Jetzt sind die Klein- und Mittelstädte das Hauptobjekt der Begierde.“

Im ostfriesischen Rees, 35.000 Einwohner, wehrten sich die einheimischen Kaufleute gegen ein Einkaufszentrum mit 14.500 Quadratmetern Verkaufsfläche, das die Stadt zusammen mit dem Projektentwickler bzw. Investor bauen wollte. Dafür sollte ein ganzes Stadtquartier freigemacht werden, ähnlich wie die Fläche am Lippetor und darüber hinaus. Die ansässigen Kaufleute entschlossen sich zum Widerstand und hatten Erfolg. Sie überzeugten den Verwaltungsrat ihrer Stadt,  das Projekt wurde mit 5:4 Stimmen verworfen.

Recklinghäuser "Arkaden" - Hier entsteht der monströse Eingangsbereich

Das Einkaufszentrum als Ausdruck für Ideenlosigkeit

WELT-Autor Dankwart Guratzsch nahm auch augenzwinkernd Stellung zu der Frage, warum so viele große Einkaufszentren entstünden. Er schreibt: „Unter Planern kursiert das Bonmot: Wenn einem Kollegen nichts mehr einfällt, baut er eine Mall. Von 1990 nicht einmal hundert, schnellte die Zahl der Einkaufszentren in Deutschland in nur zwei Jahrzehnten auf 644. Ein Ende ist nicht abzusehen…“

Für jedes Centerprojekt, so Dankwart Guratzsch, würden im Vorhinein umfangreiche und teure Gutachten gefertigt werden. Deren Ergebnis scheinen seltsamerweise sozusagen gesetzmäßig immer schon festzustehen: Ein Center stärke die „Zentralität“ der Kommune, führe ihr zusätzliche Kaufkraft aus der ganzen Region zu,  schaffe Arbeitsplätze, werte das Stadtbild auf. Doch merkwürdigerweise würden die Prognosen sehr oft in die Irre gehen. In Hameln, Siegen, Wetzlar und mancher anderen Stadt wüssten die Händler ein Lied davon zu singen. Da seien, kaum dass das vermeintlich segensreiche Center stand, ganze Straßenzüge in die geschäftliche Verwahrlosung abgesunken.

Recklinghäuser "Arkaden" - Kontraste in engen Straßen

Dabei spielt auch der Aspekt der Rivalität unter benachbarten Städten eine Rolle. Die Städte und ihre Bürgermeister und Räte scheinen zu befürchten, dass der Zug, beladen mit Steuern für die Stadt, mit zusätzlichen Arbeitsplätzen und mit einem großem Image-Gewinn ohne sie abfährt, wenn sie nicht auch ein solches schönes großes Einkaufsgebilde in ihrer Stadt bauten. Nach dieser Logik entstehen dann in den Städten, oft eng beieinanderliegend, die immer gleichen Einkaufszentren. In Gutachten wird die Kaufkraft der gesamten Region für die Rentabilität eines dieser Einkaufszentren errechnet, aber wenn jede Stadt ein solches hat, woher soll die Kaufkraft kommen? Hertener kaufen dann in ihrem eigenen Einkaufszentrum ein, das dort entsteht, die Bottrop in ihrem Hansa-Zentrum usw. Die Recklinghäuser werden in Kürze ihr monströses „Arkaden“ mitten in der Stadt  haben (siehe Fotos). Auf Dauer wird keines dieser Zentren alleine von der Kaufkraft ihrer eigenen Stadt existieren können. Denn: wer Kaufkraft an sich zieht, zieht sie woanders ab! In den Gutachten ist darüber nichts oder kaum etwas zu lesen nach dem Motto: Wer die Musik bezahlt, der kann auch bestimmen, was sie spielt! (Siehe auch unseren Kommentar in „Aktuelles“.)

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Quelle: Dankwart Guratzsch „Shopping-MallsDie perverse Tyrannei der Einkaufstempel“ in DIE WELT vom 19. August 2012. Der ganze Artikel ist unter http://www.welt.de/108677282 online zu lesen.

 

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4 Kommentare zu Tyrannei der Einkaufstempel – Jetzt sind die kleineren Städte das Hauptobjekt der Begierde – NDR-Umfrage: 72 Prozent der Bevölkerung lehnen Shopping-Center ab, weil sie dem Einzelhandel schaden (Teil 1)

  1. E. Mart sagt:

    Laut Dorstener Zeitung befürwortet doch ein Großteil der Dorstener das neue Einkaufszentrum und freut sich sogar darauf. Was also soll die Aufregung? Jedem, was ihm gebührt. Die gepflegten Einzelhandelsgeschäfte, die mit Herzblut betrieben werden und ein gewisses Niveau besitzen, die nutzt die Dorstener Regierung lediglich zu Repräsentationszwecken – nach dem Motto: Dorsten hat doch noch was zu bieten. Geholfen wird ihnen nie. Da sei WinDor vor.

  2. Augustus sagt:

    Ich werde mich vom Acker machen, dieser Stadt ist nicht zu helfen. Die Dorstener lassen alles stoisch über sich ergehen – bequem und satt und immer nur am augenscheinlich Wichtigsten interessiert. Kultur? Lebensqualität? Kenn ich nicht, will ich nicht.
    Raus hier, wer kommt mit?

  3. WvS sagt:

    Wer Ohren hat zu hören, der höre! (Luther Bibel 1912). Und wer Augen hat zu lesen, der lese unbedingt diesen Kommentar. Obwohl ich befürchte, es ist bereits zu spät. Eine kurzsichtige Verwaltungsspitze mit Profilierungsneurose ist nicht bekehrbar.

  4. Cihan Sahin sagt:

    Guten Tag, ich wohne in unmittelbarer nähe zum Lippetor. Wie ich hier lese, soll am 16.09 der Abriss beginnen. Leider ist es zur Normalität in Dorsten geworden, die Bürger nicht mehr zu informieren. Warum werde ich als Nachbar von dem Zentrum nicht schriftlich informiert, wie der zeitliche Ablauf zu halten ist? Ich wüsste bis heute nicht ohne diese Website, dass der Abriss beginnen soll. Jetzt kann ich erstmal zusehen, wie ich meinen Arbeitsweg umgestalte.

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