Rund um das Osterfest: Heidnisches wurde christlich umgedeutet – Butter und Brote bekamen in Dorsten die Armen, Wein die Geistlichen, Lehrer und Bürgermeister

Osterfeuer; Foto entnommen Wikipedia

Von Wolf Stegemann

Als der Verfasser 1980 ins ländliche und katholisch vorherrschende Altendorf-Ulfkotte zog und am Karfreitag, dem hohen Feiertag der Protestanten, sich wunderte, als just an diesem Tag Hausfrauen katholischer Familien für alle sichtbar Fenster putzten, dies auch an folgenden Karfreitagen taten, fragte er nach, warum dies denn so sei. „Ich putze am Karfreitag immer Fenster“, war die mit verwundertem Schulterzucken gegebene Antwort. „Schon meine Mutter und unsere Oma machten dies! Warum? Ich weiß es nicht!“

In der Tat: Fensterputzen, die Straße fegen, im Garten arbeiten, sogar Gülle fahren – und besonders an den Häusern der Evangelischen vorbei – waren in katholischen Gegenden oft traditionelle Beschäftigungen am Karfreitag. Die Wurzeln dieses Tuns reichen zurück bis zu der auf dem Land ausgeprägten offenen Antipathie gegenüber der anderen Konfession. Man wollte den evangelischen Nachbarn ärgern und ihm im wahrsten Sinne des Wortes zeigen, was man von seiner Konfession hielt. So war das früher. Heute bereiten diese Geschichten nur noch ein Schmunzeln.

Flammen des Osterfeuers sollten Dämonen vertreiben

Ostern nannte man hier früher auch das Paschenfest, was sich aus dem Jüdischen Pessach ableitete. Wenn auch Fenster geputzt wurden, so schwiegen an den Kartagen in Dorsten die Kirchenglocken. Allerdings loderten und lodern heute noch fast überall Osterfeuer. Wegen der Brandgefahr verbot der Kölner Landesherr und Erzbischof das Anzünden vor der Kirche. Daher zogen die Bürger vor die Stadt, um das Osterfeuer anzuzünden. Unsere heidnischen Ahnen pflegten diesen Brauch der hoch auflodernden Flammen und frommen Opfergaben, um die kalten düsteren Dämonen des Winters zu vertreiben, die freundlichen Geister der lichten Jahreszeit zu begrüßen und um Schutz und Wohlwollen zu bitten. Vieles von ihren Riten lebt in heute noch hochgehaltenen und teilweise christianisierten Frühlings- und Osterbräuchen fort.

Die im Winter nicht verbrauchten Brennholzbestände wurden zusammengetragen und an einem sichtbaren Ort verbrannt. Damit verhöhnte man den Winter, dessen grimmige Kälte man nicht mehr zu fürchten hatte und begrüßte zugleich die „helle“ Jahreshälfte. Die Dorstener Jugend sang: „En klein Klaeiken / Foer Paoschefuer, foer Paoschefuer!“ Die Schiffbauer verbrannten eine Tonne Teer. In den Bauerschaften wurden beim Abbrennen kirchliche Osterlieder gesungen, die das „Erwachen der Menschheit aus der Nacht des Irrtums zum Lichte der Wahrheit“ zum Inhalt hatten. 1788 verbot die kurfürstliche Regierung die Osterfeuer erneut, „weil auch bei dieser Gelegenheit durch den Zusammenlauf des jungen Volkes beim dunklen Abend mancher Unfug hervorgeht“. – Die Stadt pflegte zu Ostern den Bürgermeistern, Ratsherren, Gildemeistern, Lehrern und Beamten sowie der Vehme (Pfarrhof) und dem Kloster Wein zu spenden (1509 waren es 88 Maß). Als Ostergabe wurden von der Stadt am Gründonnerstag 52 Pfund Butter und Brote aus 15 Scheffel Roggen an die Armen verteilt. Der Brauch des Osterfeuers hat sich bis heute erhalten.

Osternest; Foto: Grey

Das Ei ein Sinnbild der Schöpfung

Seit alters ist das Ei ein Sinnbild der Schöpfung. Aus einem Ei sei alles Leben entstanden: „Der Geist Gottes brüte über den Wassern“ heißt es in der Schöpfungsgeschichte. Unsere germanischen Vorfahren vergruben Eier in den Feldern, um die Dämonen der Fruchtbarkeit gnädig zu stimmen. Erst vor dreihundert Jahren begann man, die Ostereier, die seit jeher zu Ostern gehören, kunstvoll, zu verstecken und zu verschenken. Im Adel entstanden auch wertvolle künstliche Eier aus Gold und Silber und mit Edelsteinen verziert als Schmuck.

Die Farben, mit denen Eier bemalt wurden, hatten eine Bedeutung. Der Gründonnerstag war der Tag der Vergebung und zugleich der Tag, an dem die Steuerschuld fällig war. Bezahlt wurde teilweise mit rotgefärbten Eiern. Das Rot stellte das Blut Christi dar und war ein Gleichnis der Vergebung. Zu Ostern durfte der Freude durch bunte Ostereier gezeigt werden, was auch im so genannten Ostergelächter hörbar war, denn ansonsten war das Lachen in der Kirche verboten.

Wo Ostereier sind, ist der Osterhase nicht fern. Sie waren einst das Bild für den Menschen, der, gehetzt von Hunden namens Angst und Furcht, Haken schlägt, um das eigene Fell zu retten. In einem Psalm wird erzählt, dass der Hase Rettung findet in den Felsen der Berge. So soll auch der Mensch Zuflucht und Geborgenheit finden bei Jesus, sagen die Prediger.

Junge Mädchen holten das Alleluja- oder Osterwasser

Auch backte man zu Ostern Brot, in anderen Regionen wiederum brachte dies Unglück. Feld-, Acker- und Gartenarbeiten waren verpönt, da sie „die Ruhe des Herrn störten“. Allerdings glaubten die Bauern, dass gerade die Karfreitagssaat besonders reiche Frucht trage. Fest stand jedoch die Regel, dass keine schweren und lauten Arbeiten verrichtet werden durften, besonders nicht mit Geräten, die an Marterwerkzeuge erinnerten. Viele Passionsbräuche sind verschwunden und vergessen. Im Westfälischen gingen junge Mädchen das Alleluja- oder Osterwasser holen. Dieses sollte, der heidnischen Überlieferung nach, schön machen und jung erhalten, wenn man es vor Tagesanbruch nach Hause brachte, ohne dabei ein einziges Wort zu sprechen. Burschen aus der Umgebung versuchten dann, mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln, das Gelingen zu sabotieren. Weitgehend eingeschlafen ist auch die Tradition der an diesen Tagen üblichen Aufführungen von Passionsspielen, wie am Gymnasium Petrinum.

Niederlage oder Befreiung – für Dorstener war Ostern 1945 der Krieg beendet

Die Kar- und Ostertage des Jahres 1945 dürften für die Dorstener, die diese erlebt haben, lange in Erinnerung geblieben sein. Für die einen waren es Tage der Befreiung, für andere Tage der Niederlage. Für alle aber die Beendigung eines furchtbaren Krieges.

Am Gründonnerstag, dem 29. März 1945, rückten frühmorgens um fünf Uhr amerikanische Panzer, auf denen Kampftruppen saßen, in Dorsten ein. Die Einnahme der umkämpften und von Bomben total zerstörten Stadt, die zudem seit Tagen unter Artilleriebeschuss lag, dauerte zwei Tage. Allerdings rückten am Abend die ersten amerikanischen Kampftruppen in Richtung Haltern und Ruhrgebiet wieder ab, während neue Truppen, vom Niederrhein kommend, in letzte und immer schwächer werdende Abwehrkämpfe in und um Dorsten verwickelt wurden. Allein der Kampf in der bereits durch die vorangegangene Bombardierung zertrümmerten Altstadt kostete 19 deutsche Soldaten und fünf Zivilisten das Leben. Der erste Militärkommandant von Dorsten war der 29-jährige US-Captain Henry F. Duncan. Er bekleidete diesen Posten ganze drei Stunden. Sein Hauptquartier schlug er unweit der Katharinenstraße (damals noch „Straße der SA“) auf. Während er mit seinen Truppen wieder abrückte, kam der nächste Truppenkommandant, Smith, der ebenso nur einige Stunden Stadtkommandant war.

Fast die gesamte Dorstener Bevölkerung saß an Ostern 1945 in Kellern und Bunkern. Wer in den Häusern und Wohnungen oder sogar auf der Straße erwischt wurde, musste oft stundenlang mit erhobenen Händen an den Sammelplätzen stehen. Beispielsweise am Essener Tor. Häuser und Wohnungen, deren Bewohner in den Kellern saßen, wurden durchwühlt und auch zerstört und geplündert. Dazu schrieb der damalige Postbeamte Schröder von der Körnerstraße in sein Tagebuch:

„An Lebensmitteln und Kleidungsstücken hatte man sich nicht vergriffen. Aber an Gold und Silber ist einiges mitgenommen worden. Besonders Uhren, Broschen und alte Münzen. Magdas alter Fotoapparat war auch verschwunden… Wie erzählt wird, soll nun Friede sein…!“

Allen unseren Lesern ein frohes Osterfest 2014!

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