Der Fall „Atlantis“ – Pleiten, Pech und Pannen und eine Stadtverwaltung, die sich noch immer und gegen alle Erfahrungen für den besseren Unternehmer hält

Das "Atlantis" zwischen Lippe und Kanal

28. Sept. 2012. drf – Das Spaßbad „Atlantis“ ist zweifellos ein Aktivposten in unserer an Attraktionen nicht gerade reichen Stadt, das werden auch Kritiker des Bades nicht anzweifeln. Gleichwohl ist es umstritten und dafür gibt es vor allem einen Grund:  Jahr für Jahr werden Zuschüsse in Millionenhöhe aus dem städtischen Haushalt benötigt, weil das Bad  aus den roten Zahlen nicht herauskommt. Dabei sollte es ganz anders laufen.

Ende der 1990er Jahre stand die Stadt vor einer Entscheidung. Das Freibad aus dem Jahr 1961 war heruntergekommen und auch das Hallenbad, Baujahr 1972, war  veraltet und sanierungsbedürftig. Immer  höhere Beträge mussten aus dem städtischen Haushalt zugeschossen werden. Die erforderlichen Bauerhaltungsmaßnahmen wurden auf 10 Millionen Euro veranschlagt, aber für eine Sanierung oder gar einen Neubau war kein Geld da.  Da kam die Idee auf, das Problem in einer Partnerschaft mit einem privaten Investor zu lösen. Der sollte nicht nur ein neues Schwimmbad bauen, sondern auch als Betreiber tätig werden. Die Bedingungen, die die Stadt daran knüpfte, lesen sich wie eine Wunschliste zum Kindergeburtstag: ein Freizeitbad mit überregionaler Bedeutung sollte es werden, mit Saunalandschaft und Gastronomie. Außerdem sollte der Investor Sanierung und Weiterbetrieb des Freibades und des Wulfener Hallenbades garantieren.

Neu-Ulmer Erfolgsmodell war die Blaupause für das Dorstener Bad-Projekt

Und tatsächlich: alsbald waren mit Paul Stadel und Wolfgang Stichler Investoren gefunden, die auf die Bedingungen eingingen. Sie hatten soeben ein Freizeit- und Erlebnisbad in Neu-Ulm gebaut, das den in Dorsten gehegten Vorstellungen entsprach, und die Rolle des Betreibers übernommen. Das Projekt lief sehr erfolgreich. Die Besucherzahlen bewegten sich um 700.000 jährlich mit Spitzen an einzelnen Tagen von 4.000 Besuchern. Die eigens gegründete Betreibergesellschaft erwirtschaftete Überschüsse, von einer Goldgrube war sogar die Rede. Was lag näher, als diesem Erfolgsmodell auch in Dorsten zu folgen?

So schloss die Stadt Dorsten also mit den Investoren einen Vertrag. Die „Atlantis Freizeit GmbH“ würde ein attraktives Bad nach dem Vorbild Neu-Ulm bauen und anschließend betreiben. Die Stadt verpflichtete sich, einen jährlichen Zuschuss von einer Million Euro zu leisten, das entsprach in etwa dem Betrag, der bisher für die Bäder aufgewandt wurde, und lag auf der Höhe dessen, was auch Neu-Ulm an den Betreiber überwies. Dieser Zuschuss war zu rechtfertigen, weil damit das Schulschwimmen gewährleistet wurde. Darüber hinaus stellte die Stadt das Grundstück im Erbbaurecht zur Verfügung.

Nach drei Jahren kam das Aus für die Investoren. Falsche Einschätzungen waren die Ursache

Eingang zum Freizeitbad

Die „Atlantis Freizeit GmbH“ investierte 20 Millionen Euro in den Neubau. Ende 2001 wurde das ‚Spaßbad‘ eröffnet, das wie in Neu-Ulm „Atlantis“ hieß. Drei Jahre später war die Gesellschaft finanziell am Ende.  Die „Schwäbische Zeitung“ schrieb dazu: „Stichler und seine Geldgeber bauten in Hessen und Nordrhein-Westfalen zwei weitere Spaßbäder [Obertshausen und Dorsten, d. Verf.], doch das Erfolgsmodell „Atlantis“ ließ sich nicht so einfach auf andere Bundesländer übertragen. Mit beiden Projekten erlitt Stichler Schiffbruch, die Bäder mussten Insolvenz anmelden, obwohl der Atlantis-Betreiber verzweifelt versucht hatte, mit Geld aus seinem florierenden Ulmer Bad die beiden Pleiten abzuwenden.“

Zweifellos hatten sich die Investoren übernommen, aber der entscheidende Grund für ihr Scheitern war, dass sich ihr Neu-Ulmer Erfolgsmodell nicht eins zu eins auf andere Städte übertragen ließ, auch nicht auf Dorsten. Reinhard Plettenberg sprach in einem Beitrag in der Zeitschrift „Archiv des Badewesens“ von gravierenden Einschätzungsmängeln. „Kalkuliert wurde mit einem Einzugsgebiet von ca. 150 km. […] In einem Umkreis von 50 km um Dorsten herum liegen etwa 30 Freizeit- und Erlebnisbäder. […] Kalkuliert wurde mit „4000 Besuchern an Top-Tagen“. […] Kalkuliert wurde mit einer ungeheuren überregionalen Eigenwirkung eines so attraktiven Freizeit- und Erlebnisbades. […] Leicht zu kalkulieren– zumindest aus heutiger Sicht – ist, dass eine so falsch eingeschätzte Situation nicht funktionieren konnte.“

Aber war das alleine der Fehler der Investoren? Hätten die Verhandlungspartner auf Dorstener Seite die Fehleinschätzung nicht auch erkennen müssen? Neu-Ulm und Ulm sind ein zusammenhängendes Stadtgebilde, nur durch die Donau getrennt, mit 180.000 Einwohnern. Demgegenüber hatte Dorsten gerade mal 80.000 Einwohner, verteilt auf Altstadt und Randgemeinden. Über diesen kleinen Unterschied wurde offenbar großzügig hinweg gesehen – man wollte das Projekt. Aber es konnte keine Überraschung sein, dass man Besucherzahlen wie in Neu-Ulm nicht erreichte, sondern nur auf gut 400.000 kam, was für sich alleine genommen überhaupt nicht nach einem Fehlschlag aussieht. Aber das ganze Bad-Konzept war für Dorstener Verhältnisse überdimensioniert und  für die Deckung der Betriebskosten reichte die Besucherzahl nicht aus. Anstelle der erwarteten Gewinne verbuchte man Verluste.

Die Stadt Dorsten beanspruchte den „Heimfall“ das Bades und übernahm dafür Schulden in zweistelliger Millionenhöhe

Im Zuge der Insolvenz der „Atlantis Freizeit GmbH“ machte die Stadt Dorsten als Eigentümerin des Erbbaugrundstücks ihren Anspruch auf „Heimfall“ des Bades geltend und verpachtete die Immobilie Ende 2004 an die stadteigene „Bäderbetrieb Dorsten GmbH“. Während „Heimfall“ für den Normalbürger klingt, als ob es sich um ein Geschenk an die Stadt handelte, war es in Wahrheit ein teurer Erwerb, denn die Stadt musste mit dem Gebäudekomplex die Grundschulden übernehmen, deren Höhe nie genau beziffert wurde, die sich aber auf mindestens 15 Millionen Euro beliefen. Bürgermeister und Kommunalpolitiker hatten wenig Interesse daran, das Missverständnis aufzuklären. Dazu passt, dass die Schulden – kaum nachvollziehbar –  erst im Zuge der Umstellung des kommunalen Finanzsystems 2009 den langfristigen Darlehen der Stadt zugeordnet wurden, die daraufhin auf einen neuen Höchststand von fast 150 Millionen Euro sprangen.

So war nun die Stadt Eigentümerin des „Atlantis“. Mit diesem Schritt wurde es für den Dorstener Bürger erst richtig teuer. Der Erwerb war mit der Übernahme der Grundschulden zu hundert Prozent kreditfinanziert. Das alles zu einer Zeit, als der städtische Haushalt schon chronisch defizitär war und die Kassenkredite längst die 100-Millionen-Marke überschritten hatten. Nach der Schließung der Zeche waren Wirtschaftskraft und Einwohnerzahl im Sinkflug. Wenn schon zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses kein Geld für eine eigene Lösung vorhanden war, dann war das Ende 2004 noch viel weniger Fall. Das konnte die Stadt aber nicht aufhalten. Sie übernahm ein Bad, das sie sich überhaupt nicht leisten konnte. Die neue Zeit begann zudem gleich mit einer Hiobsbotschaft: es traten Baumängel zutage, die beseitigt werden mussten. Die Investoren hatten offenbar an der Bauqualität gespart. Eine Klage auf Schadenersatz gegen zwei  Ingenieurbüros, die im Auftrag der Stadt die ordnungsgemäße Bauausführung hatten kontrollieren sollen, war ohne Erfolg. Die Stadt blieb auf den Sanierungskosten von 3 Millionen Euro sitzen.

Die Stadt nahm den Betrieb des Bades selbst in die Hand, aber aus den roten Zahlen hat sie das Bad auch nicht herausführen können

Inzwischen hatte die „Bäderbetrieb Dorsten GmbH“, eine hundertprozentige Tochter der Stadt, den Betrieb des Bades übernommen. Deren Prokurist Reinhard Plettenberg äußerte sich sehr abfällig über den vorherigen Betreiber und bemängelte vor allem dessen Marketing. Das würde man in der Regie der Stadt künftig viel besser machen. Eine abermalige Fehleinschätzung – denn die Wahrheit ist, dass das neue Team die früheren Besucherzahlen nicht wiederholen konnte: sie bewegten sich zwischen 350.000 und

Auszug aus einem Schreiben des Stadtkämmerers vom 16. Mai 2012 an DORSTEN-transparent

400.000, zuletzt mit deutlich rückläufiger Tendenz. 2010 betrug die Zahl der Besucher nur noch 315.000. Der Einbruch wurde auf die Eröffnung eines neuen Freizeitbades in Oberhausen zurückgeführt, aber auch auf die ungünstigen Wetterbedingungen. Um die Zahlungsfähigkeit zu gewährleisten, musste die Stadt ihrer Tochter 1,6 Millionen Euro überweisen, 2011 waren es 1,4 Millionen Euro. Seit der Übernahme hat die Stadt Verluste in Höhe von 9 Millionen Euro ausgeglichen. Einschließlich der Sanierungskosten und des Kapitaldienstes summieren sich die Belastungen für den städtischen Haushalt bis 2011 auf über 22 Millionen Euro, durchschnittlich gut 3 Millionen jährlich.

„Atlantis“-Verluste wurden durch Kassenkredite finanziert

Eine Gegenfinanzierung  für das „Atlantis“-Abenteuer darzustellen hatte die Stadt nicht für nötig gehalten. Die laufenden Belastungen wurden durch Kassenkredite finanziert. So hat das Bad den Weg Dorstens in die Überschuldung beschleunigt. Bürgermeister und Politiker sollten deshalb vorsichtig sein, die Verantwortung für die städtische Finanzmisere immer nur Bund und Land zuzuschieben. Auf die Frage, die DORSTEN-transparent kürzlich dem Vorsitzenden der SPD-Ratsfraktion Friedhelm Fragemann stellte, warum man nicht zur Gegenfinanzierung die Steuern erhöht habe, antwortete dieser lapidar: „Hätten wir das getan, wäre das Atlantis-Projekt sofort gestorben.“  So geht Kommunalpolitik! Dann macht man eben Schulden. Man würde dazu allzu gerne einmal einen Blick werfen auf den Wortlaut des Ratsbeschlusses zur Geltendmachung des „Heimfalls“ .

Licht am Ende des Tunnels?

In der Haushaltsmisere, in der Dorsten heute steckt, hängt das „Atlantis“ der Stadt wie ein Mühlstein an. Immer wieder gibt es Stimmen, die das Bad lieber heute als morgen aufgeben wollen. Ihnen wird regelmäßig entgegengehalten, dass eine Schließung zu keiner Entlastung führe, weil der Kapitaldienst trotzdem weiter läuft. Mag sein. Aber ist der jetzige Kurs von Bürgermeister und Ratsfraktionen deswegen alternativlos? Keineswegs. Dazu genügt ein Blick auf die beiden Städte, die dasselbe Problem mit denselben Investoren hatten wie Dorsten.

Andere Städte zeigen, dass es Alternativen gibt

Neu-Ulm hat 2007 den Heimfall des Freizeit- und Erlebnisbades erstritten und es seit 2011 an die „InterSpa Gesellschaft für Kur- und Freizeitanlagen mbH“ mit Sitz in Stuttgart verpachtet. InterSpa ist auf Bäder spezialisiert, das Leistungsspektrum umfasst Planung, Bau, Finanzierung und Betriebsmanagement. Die Pacht beträgt 150.000 Euro jährlich, außerdem ist die Stadt mit 3,5 % am Umsatz beteiligt. Ihrerseits stellt sie dem Pächter ein jährliches Instandhaltungsbudget von 300.000 Euro zur Verfügung. Einen Betriebskostenzuschuss erhält der Pächter dagegen nicht. Damit sind die Belastungen der Stadt im Wesentlichen auf den Kapitaldienst begrenzt, die diese als Eigentümerin tragen muss.

Obertshausen, dessen Erlebnisbad ein ähnliches Schicksal erlitt wie das in Dorsten, hat den Badebetrieb schon seit 2006 an die „monte mare Bäder-Betriebsgesellschaft mbH“ verpachtet. Einzelheiten zur Vertragsgestaltung konnten nicht ermittelt werden. Die „monte mare-Gruppe“ hat ein ähnliches Unternehmenskonzept wie InterSpa und bezeichnet sich als einen führenden Betreiber von Schwimmbadbetrieben. Obertshausen zählt zu den besucherstärksten Standorten der Gruppe. Ein weiterer Standort der Gruppe ist der „maritimo“-Komplex in Oer-Erkenschwick.

Sowohl Neu-Ulm also auch Obertshausen hatten ihr Bad zeitweise in Eigenregie betrieben und dann an die genannten Betreiber verpachtet. Das spricht dafür, dass die Verpachtung wirtschaftlich vorteilhafter ist. Hat die Stadt Dorsten diese Option untersucht? Wenn ja: welche Gründe gibt es, diesen Weg, anders als die genannten Städte, nicht zu gehen? Wenn die Verwaltung sich indes um diese Möglichkeit überhaupt nicht gekümmert haben sollte, wäre das mehr als fahrlässig und allerhöchste Zeit, es nachzuholen.

Wenn nichts geschieht, um das „Atlantis“ wirtschaftlich auf eine neue Grundlage zu stellen, wird weiter Geld verbrannt – und die Bürger  werden mit hohen Steuern dafür bezahlen, während ihr Bürgermeister weiter davon schwärmt, welch großartige Werbung das Bad doch für Dorsten ist. Denn 80 Prozent der Besucher sind Ortsfremde.

Wie lax im Rathaus mit Finanzen zum Schaden der Steuerzahler umgegangen wird, belegt auch der neue Skandal um die Forderungen der Stadt in Höhe von 870.000 Euro, auf die die Stadt auf Grund der Fristversäumnis nun schlichtweg verzichten muss. – Mehr darüber auf der Seite „Aktuelles“.

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Hinweis: Ein weiterer ausführlicher Artikel zum Thema Atlantis findet sich unter
http://www.dorsten-transparent.de/2013/04/eine-verschlungene-finanzierung-des-%E2%80%9Eatlantis%E2%80%9C-freizeitbades-und-eine-verschleiernde-informationspolitik-der-stadt-dorsten-verbreiteten-die-legende-vom-kostenlosen-heimfall/
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