Zurückgeblättert – Die Umstellung von Ost- auf Westmark in Dorstens Partnerstadt Hainichen am 1. Juli 1990

Über 1 Million DM gingen am 1. Juli 1990 über die Sparkassenschalter in Hainichen; rechts im Hintergrund die damalige Leiterin Renate Röger.

Von Wolf Stegemann

Die D-Mark bringt’s. Wo früher auf dem HO-Hotel „Goldener Löwe“ am Marktplatz in Hainichen die DDR-Flagge oder in der Nachwende-Zeit die schwarz-rot-­goldene Deutschlandfahne wehte, wehte am Tage der Währungsunion die gelbe Fah­ne einer westdeutschen Braue­rei. Für deren Bier musste man schon etwas mehr an harter deutscher Mark hinlegen, als in Westdeutschland. Und über­haupt: So mancher Preis, der für Dienstleistungen oder Wa­ren aus dem Westen oder für einen Service nach vermeintlich westlichem Muster zu zahlen war, schien überzogen. „Das, wird sich aber spätestens in wenigen Monaten eingependelt haben, wenn Angebot und Nachfrage die Preise bestimmen und nicht unwissende Willkür“, war in Dorstens Partnerstadt Hainichen zu hören. Neben überteuerten Westprodukten gab es aber auch äußerst günstige Angebo­te: Zwei Kilo Erdbeeren für drei DM.

Schon zwei Tage nach der Währungsumstellung waren die Geschäfte in der Stadt mit West-Waren gefüllt. Unter dem Sonnenschirm wurden West-Zeitungen verkauft.

West-Autos auf Kredit und ohne Anzahlung

Mit der D-Mark im Portemon­naie gingen die Hainichener sorgsam und zurückhaltend um, wie Verkäufer und die Zweigstellenleiterin der Spar­kasse in Hainichen, Renate Ro­ger, zu berichten wussten. Am Sonntag, den 1. Juli 1990, warteten bei Öffnung der Kassenschalter bereits 50 Personen, um die be­gehrten  DM-Scheine gegen Quittung zu kassieren. An diesem Tag wurden 1.189 Auszah­lungen getätigt. 1 Million DM ging an diesem Tag über die Hainichener Sparkassenschal­ter in die Portemonnaies der Bürger. Die Post zahlte zudem 300 Anträge aus und die Genos­senschaftsbank 200. Durch­schnittlich ließen sich die Hai­nichener 800 DM auszahlen. Die Grenze war bei 2.000 DM pro Person festgelegt. Nach dem 1. Juli konnten noch eine Woche lang Auszahlun­gen getätigt werden.

Kleingeld war in Hainichen wie in der ganzen DDR rar. Da­her waren die DDR-Münzen bis 50 Pfennig, die so genannten „Alu-Chips“, noch weiterhin gültig. Wegen der Währungseinheit seit dem 1. Juli auch in der Bundesrepublik.

Wer nicht das nötige Geld hatte, um ein begehrtes West-Auto kaufen zu können, der machte von dem Angebot der West-Autohändler Ge­brauch, sie ohne Anzahlungen auf Raten zu kaufen. Etliche Hainichener fuhren daraufhin West-Au­tos. „Für viele wird es ein bö­ses Erwachen geben, wenn die Raten nicht mehr zahlbar sind, wenn Arbeitslosigkeit um­greift“, meinte damals die Zweigstellen­leiterin. Arbeitslosigkeit war das große Angstthema in Dorstens Partner­stadt. Während die Zahlen im Rathaus heruntergespielt wur­den, rechneten andere Fachkun­dige mit hohen Arbeitslosenzahlen bis zu 40 Prozent.

Uwe Schönfeld, Hainichens Bürgermeister in der DDR-Zeit, vor und nach der Wende

Endlich Simmel und Konsalik in der Buchhandlung

Die einzige Hainichener Buchhandlung verzeichnete 50 Prozent weniger Umsatz. Aus der bisherigen Buchhandlung im Eigentum des Volkes wurde eine GmbH. Verkaufsstellenlei­terin Gabi Schrader damals: „Man hat uns ins kalte Wasser gestoßen. Wir haben Probleme mit der Buchführung, mit der Kalkula­tion, mit den Steuern.“ Doch auch Gabi Schrader und ihre Kollegin Angelika Singer waren zuversichtlich, dass sie die Lage schnell in den Griff bekommen werden. Gabi Schrader 1990: „Ich will den Laden übernehmen!“ Sie stellte den Antrag und wartete lange. Dann bekam sie ihn. Neuer literarischer Wind wehte durch den Buchladen. „Endlich können wir Simmel und Konsalik anbieten. Die Parteilitera­tur, früher Pflichtlektüre, ha­ben wir rausgeschmissen!“

Dass die Privatwirtschaft in Hainichen noch nicht so recht in Gang gekommen war, darüber gaben damals Leserbriefe in der Zei­tung und Hainichener Bürger Auskunft. „Unsere Verwaltung ist in ihrer Denk- und Arbeits­weise noch in den alten Struk­turen verhaftet“ und „Im Rat­haus hat man den Umschwung noch nicht verstanden.“

Eine solche herbe Kritik macht sich vor allem an dem Ost-CDU-Bürgermeister Uwe Schönfeld (Flugblätter: „Schön gewendet, Herr Schönfeld!“) fest, der auf Anordnung der SED jahrelang die Geschicke der Stadt leitete und durch Wahl Ende Mai 1990 mit demokratischer Legitimation weiterhin Bürgermeister geblieben war. Ihm zur Sei­te stand für wirtschaftliche Fra­gen im Rathaus weiterhin das frühere SED-Mitglied Bernd Lichtenstein. Er bekam kein demokratisches Mandat mehr, war aber „auf Zeit“ für Wirtschaftsfragen zustän­dig. Dies galt auch für den Kul­tur-Stadtrat.

Geschäftsräume immer noch behördlich vergeben

Wer sich in Hainichen selbst­ständig machen wollte, hatte es schwer. Im Rathaus blieben Anträge erst einmal liegen, war zu hören. Die einzige Augenoptikermeisterin Ingrid Dambeck suchte in Hainichen neue Ge­werberäume, da ihre derzeiti­gen Räume aufgrund der nun freien Marktwirtschaft gekün­digt wurden. Da viele Häuser von der  „Gebäudewirtschaft der Stadt“ verwaltet wurden, war Ingrid Dambeck auf Hilfe der Stadt angewiesen. Dort wurde sie hingehalten, meinte sie in einem Leserbrief in der „Freie Presse“. Monate- und wochenlang würden Briefe nicht beantwortet werden. „Nach Gesprächen mit Herrn Schönfeld hatte ich immer den Eindruck, dass er als Bürger­meister den Ernst der Lage nicht erkennen will. Mit jovia­lem Lächeln und Vertrösten ist nichts getan. Wir leben nach der Revolution!“

Drei Fragen an Bürgermeister Uwe Schönfeld 1990

Wie sieht es mit echten Privatisierungen aus? Wir haben mehrere Anträge auf Reprivatisierung vorliegen, das gestaltet sich aber sehr zäh. Bislang ist keine einzige private Übernahme erfolgt. Denn das alles hat mit rechtlichen Grundlagen zu tun.

Worin liegt die Zähigkeit genauer gefragt? Unsere Treuhandstellen, die die Umwandlungen vornehmen, sind mit Personal zu gering besetzt. Interessenten, die Betriebe übernehmen wollen, sind verunsichert. Derzeit ist kein Geld hier zu verdienen. Und die Finanzspritzen aus dem Westen reichen nicht aus.

Gibt es Arbeitslose? Wie wollen Sie die Arbeitslosigkeit in den Griff bekommen? Derzeit haben wir bei 3.000 Beschäftigten 250 gemeldete Arbeitslose. Vor allem Frauen. Mit der geplanten Errichtung des Industrie- und Gewerbepark rechnen wir mit 2.000 Arbeitsplätzen mehr. Es wird dann nur einen geringen Anstieg der Arbeitslosigkeit geben.

  • Rathaus nach dem Brand mit Gellert-Denkmal

    Heute hat Hainichen eine Arbeitslosenquote von 9,3 Prozent. Die Einwohnerzahl ist kontinuierlich auf 8.800 zurückgegangen; 1994 hat Hainichen den Status einer Kreisstadt verloren, das Autowerk Barkas wurde demontiert und die Produktionsanlagen sollten nach China, Russland oder in das Baltikum verkauft werden, doch nachdem es demontiert war, wurde nichts daraus; in die Schlagzeilen geriet Hainichen, als das alte Rathaus abbrannte und der Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse Hainichen, Kurt Fischer, 1995 den amtierenden Landrat von Hainichen, Andreas Schramm, entführen wollte. Dafür wurde Fischer verurteilt; 2005 schloss das Gellert-Gymnasium.

Dieser Beitrag wurde unter Partnerstädte, Zurückgeblättert abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Zurückgeblättert – Die Umstellung von Ost- auf Westmark in Dorstens Partnerstadt Hainichen am 1. Juli 1990

  1. Es ist wohl in jedem Land so, in dem vorher nur die linientreuen Mitläufer an den Schaltstellen saßen. Als die UdSSR zerfiel, gab es das Problem in allen Ländern des ehemaligen Paktes. Und wenn man die Presse liest, wer heute wieder oder immer noch oben ist, wundert man sich eigentlich und eigentlich doch nicht. Wenn wir auf Hainichen jetzt einmal zurück kommen, ist der Schock, jetzt wieder als einfacher Bürger vieles selbst bestimmen zu müssen, sehr groß gewesen. Logisch. Vorher wurde Wohnraum zugeteilt, Arbeit verteilt, egal ob mit oder ohne Sinn, es war für alles gesorgt. Wärme und Grundleben waren gesichert. Dafür bleib alles andere auf der Strecke. Auf einmal kam die blühende Landschaft. Und die meisten ahnten nicht,was ihnen blühte. Und der glorreiche Westen ließ sie es teuer bezahlen, sehr teuer.
    Und das Gefälle zwischen Ost und West war gar nicht mal so sehr groß, gab es doch „drüben“ viele Firmen, die für den Westen gearbeitet haben. Quelle, IKEA, Siemens und einige mehr. Davon ist heute nichts mehr übrig. Aber dafür ganz viel Ernüchterung, was Kohl mit seinen blühenden Landschaften wirklich meinte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.